Anders: Denken, Leben, Handeln

Mittlerweile bin ich seit sechs Monaten in Südafrika. Über die Hälfte meiner Zeit hier ist vorbei. Wie ich Ende Oktober schon angedeutet habe und ihr euch sicherlich gedacht habt, ist hier vieles anders als in Deutschland. Doch nach diesen sechs Monaten ist vieles einfach schon unglaublich normal geworden…

…im Supermarkt: Alles was man kaufen kann gibt es auch immer in einer XXL-Packung, wie zum Beispiel 5l Öl, 20kg Maismehl, 2l Cola (1l sieht so klein aus 😀 ). Wenn wir mit unserem Großeinkauf an der Kasse stehen, erweist sich die Geduld und Entspanntheit der Afrikaner als durchaus nützlich. Nicht nur, wenn wir mit unseren zwei bis drei Einkaufswagen viel zum Kassieren haben. Sondern auch, wie zum Beispiel letzten Mittwoch, wenn einer von uns schnell zu einem anderen Supermarkt flitzt, weil es etwas nicht gab, und dann etwas länger braucht als erwartet, aber die Karte zum Bezahlen hat. Johanna hat dann, während ich unterwegs war, nett mit der Kassiererin geplauscht und fünf bis zehn Minuten gewartet. Alles kein Problem. Wir haben ja Zeit 😀 An Lebensmitteln gibt es hier alles was man braucht, ähnlich wie in Deutschland. Auf manche Dinge muss man jedoch verzichten oder auf Alternativen umsteigen. Quark gibt es hier zum Beispiel gar nicht (kein Käsekuchen 😦 ). Bei Schokolade gibt es ähnliche Sorten wie in Deutschland, nur nicht so eine große Markenauswahl.

 

…die kuriosen Minijobs: Auf jedem Parkplatz gibt es Parkeinweiser. Was bei den großen Autos, die wir hier fahren praktisch ist, wenn der Parkplatz brechend voll ist. Allerdings sind die Parkeinweiser auch zur Stelle, wenn man weit und breit das einzige Auto ist 😀 Befindet sich eine Baustelle am Straßenrand, ist auch eine Frau oder ein Mann, die/der eine rote Fahne schwenkt nicht weit. Wofür? Um auf die Baustelle hinzuweisen natürlich (ein Schild gibt es nicht)! Im Supermarkt gibt es meistens auch jemanden, der die Einkäufe für einen in die Plastiktüten packt. Das ist bei großen Einkäufen, wie zum Beispiel unserem wöchentlichen Großeinkauf für’s Kinderheim, schon mal ganz hilfreich.

… die Sicherheit: Diese ist hier etwas anders als in Deutschland und das merkt man auch an vielen Stellen. So muss das Auto immer abgeschlossen, um jedes Haus ist ein dicker Zaun mit einem Gate gebaut und fast jeder Haushalt besitzt Wachhunde. Wir geben auch immer besonders acht auf unsere Handtaschen und nehmen immer nur so wenig mit wie möglich. Selten gehen wir irgendwo zu Fuß hin, erst recht nicht alleine und noch weniger nach dem es dunkel ist. So wird alles mit dem Auto erledigt. Durch die Gegend spazieren, mal eben mit dem Bus fahren, gibt es hier nicht. Das ist schon manchmal komisch und man fühlt sich in seiner Freiheit eingeschränkt. Ich freue mich schon darauf, das in Deutschland wieder machen zu können!

… das Leben in einer anderen Kultur: Die meisten „Eigenheiten“ kennen wir mittlerweile ganz gut. Die Zeit wird zum Beispiel nicht so genau genommen. So kann ein „now now“ (dt. jetzt jetzt) schon mal 20 Minuten oder mehr sein. Waren wir zu Anfang noch fasziniert was die Frauen hier so an Größe und Gewicht auf ihren Köpfen tragen, muss das nun schon WIRKLICH groß und schwer sein, um uns zu beeindrucken. Auch haben wir ein Gefühl dafür entwickelt, wann ein Rock angebracht ist und wann auch Shorts in Ordnung sind. 

Im Gegensatz zur deutschen Kultur, wird hier weniges direkt gesagt. Stattdessen wird mehrmals „ja, vielleicht beim nächsten Mal“ geantwortet und gehofft, dass das als „nein“ verstanden wird. Das kann durchaus anstrengend sein, weil man intuitiv einfach sofort „nein“ sagen möchte. Kompliziert wird es, wenn der andere es nicht als nein versteht. Mir selbst ist das zum Glück noch nicht passiert 🙂 Regelmäßig bekommen wir hier auch Heiratsäntrage und Komplimente. Die sind mehr oder weniger Ernst gemeint. Wir sind begehrt, weil wir weiß und „reich“ sind und man kein Lobola (=Brautgeld) für uns bezahlen muss. Wenn es eine Sache gibt, die die Südafrikaner essen, dann ist das Fleisch; in Unmengen! Jede (!) Woche kaufen wir für’s Kinderheim etwa 20 kg Hühnchen ein und jede zweite Woche kommen dann nochmal 30 kg anderes Fleisch dazu. Und das Kinderheim ist keine Ausnahme. In Lokalen gibt es meistens nur wenige vegetarische Gerichte. Beim Pizzalieferservice nur eine Gemüsepizza, der Rest ist mit Fleisch.

Interessant war es auch, als wir einmal im normalen Supermarkt die 100 Brote für’s Heim gekauft haben (statt wie sonst im Großhandel). An der Kasse wurden dann extra noch zwei Angestellte nur für’s Zählen geholt. Doch statt, wie wir es machen würden, das ganze zu vereinfachen (indem man zum Beispiel fünf Reihen á fünf Brote rechnet), wird jedes Brot einzeln aus dem Wagen genommen und gezählt. Um sicher zu gehen wird zweimal gezählt. Die Angestellten haben 99 Brote gezählt und wir haben dann noch eins geholt. Wir sind allerdings überzeugt, dass wir von Anfang an 100 Brote hatten 😀 Eine ähnliche Herangehensweise ist mir auch schon ein paar Mal bei den Hausaufgaben mit den Kindern aufgefallen.

… das Auto fahren: Die Angst vor großen Autos habe ich hier definitiv verloren! Denn alle Autos, die wir hier fahren sind Bakkies und dementsprechend groß und teilweise auch lang. Besonders gut parken kann ich damit zwar immer noch nicht, aber dafür haben wir hier ja zum Glück die Parkeinweiser 😀 Die Autos sind hier auch nicht unbedingt die neuesten. Desöfteren sind wir schon liegen geblieben, mussten Reifen wechseln oder eines der Autos abschleppen. Das fahren im Linksverkehr und auf der Dirtroad ist auch kein Problem. An den Linksverkehr hab ich mich schneller gewöhnt als erwartet. Dinge, die wir in Deutschland nicht mehr machen können, sind: hinten auf der Ladefläche vom Bakkie, unangeschnallt (hier müssen nur Fahrer und Beifahrer angeschnallt sein) und barfuß fahren. Gerade das Fahren hinten auf dem Bakkie macht besonders Spaß (wenn nicht gerade viele Autos an einem vorbei fahren und den ganzen Staub aufwirbeln), denn man hat einfach einen schönen Ausblick auf den Weg und (auf dem Heimweg) auf den Sonnenuntergang. 90% der Autos hier sind weiß, was sich allein durch die Hitze im Sommer erklären lässt. Ein dunkles Auto ist definitiv eine Besonderheit!

…und andere Dinge: Derzeit herrscht hier Dürre und ein entsprechender Wassermangel. Im Kinderheim war schon einmal der Wassertank leer und wir haben unsere gesammelten Plastikflaschen mit Wasser gefüllt und mit raus genommen. Hier in der Stadt hatten wir bisher zum Glück noch keine großen Probleme. Lediglich der Wasserdruck auf den Leitungen wird nachts etwas herunter gedreht. Nichtsdestotrotz ist der örtliche Damm nur noch zu 20% gefüllt, was für circa vier bis fünf Monate reicht.

Den Strom bezahlt man hier in der Regel Prepaid, vorzustellen wir beim Handy. Man geht im Supermarkt an einen Schalter, kauft Strom und lädt den dann zu Hause wieder auf. Das hat den Hintergrund, dass die Menschen, die in der Rural Area leben, eventuell kein regelmäßiges Einkommen haben und so die Rechnungen oft nicht bezahlen könnten. Durch das Prepaid-Prinzip können sie sich immer Strom kaufen, wenn sie genügend Geld haben. An Insekten gibt es hier zum Beispiel neben Fliegen, Ameisen und Mücken auch große Kakerlaken, die teilweise sogar fliegen können. Die kommen besonders abends zum Vorschein und natürlich genau dann, wenn wir ins Bett gehen wollen… Mit dem Bewusstsein eine fliegende Kakerlake im Zimmer zu haben, kann aber keiner von uns beruhigt schlafen. Also geht dann nachts die Jagd los, bei der sich Franka bisher als besonders tapfer erwiesen hat (fettes Danke!) 😀 Immer wieder sieht man aber auch Geckos, die dann an der der Wand durch die Wohnung huschen. Die sind, im Gegensatz zu den anderen genannten Tiere, aber harmlos und eher schön anzusehen 🙂

Genauso wie wir Kakerlaken jagen, suchen wir auch regelmäßig einen Adapter. Unzählige befinden sich im Haus, man weiß nur nie sicher wo 😀 Das Internet ist hier meistens begrenzt, wie beim Handy. So haben wir im Monat 20GB zur Verfügung. Ab und zu merkt man dann schon mal, dass das Internet am Ende des Monats langsamer wird. Derzeit kommen wir mit dem Volumen ganz gut aus. Ab Anfang April, wenn sich die Bewohnerzahl in unserem Haus verdoppelt, wird das sicherlich etwas anders aussehen. Gewöhnungsbedürftig war es am Anfang auch, dass es hier viel früher hell und dunkel wird. Ein „langer“ Sommerabend endet hier um 19 Uhr. Dann ist es dunkel. Die Sonne geht dafür aber auch schon um 5 Uhr auf. Jetzt, wo es auf den Herbst zugeht, merkt man auch schon, dass sich die Zeiten verschieben und es früher dunkel wird. Ein Vorteil daran: Auf dem Heimweg vom Kinderheim sehen wir öfters einen wunderschönen Sonnenuntergang!

Genau so wie ich (mehr oder weniger) einen Kulturschock hatte als ich nach Südafrika gekommen bin und mich mittlerweile gut eingelebt und an alles gewöhnt habe, werde ich diesen sicherlich auch haben, wenn ich in vier Monaten wieder nach Deutschland komme. Auch wenn es hier immer noch Dinge gibt, die neu sind, hat man sich doch schon recht gut an das Leben hier gewöhnt und angepasst. Mein Blick auf viele Dinge hat sich bereits geändert und ich nehme manches anders wahr.

Was braucht man wirklich zum Leben? Ist dieses Teil wirklich schon so unnutzbar, dass man einen Ersatz kaufen muss?

Warum sind wir so wenig dankbar für die Dinge, die wir haben und gehen so verschwenderisch mit ihnen um? Nicht nur die „kleinen“ und luxuriösen Dinge, wie Kleidung und Handys. Sondern auch die großen Sachen, wie Elektrizität, fließendes Wasser und ein Dach über dem Kopf oder die Möglichkeit ein Teil dieser großen und wunderschönen Welt sein zu dürfen.

Muss immer alles so schnell gehen? Den Moment genießen und bewusst erleben ist doch viel gewinnbringender als an ihm vorbei zu rasen.

Können wir nicht alle ein wenig freundlicher und geduldiger miteinander sein? Öfter mal Lächeln und ernstgemeint fragen, wie es jemandem geht. Nicht nur über die Anderen meckern, sondern sich in ihre Lage versetzen und einsehen, dass kein Mensch perfekt ist.

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